File 25.05.16, 21 05 18

Dritter Akt: Die Reise

Die anderen Beiden gelesen? Falls nicht: Erster Akt Zweiter Akt

So, jetzt aber wie versprochen zur Reise an sich. Während ich diese Zeilen schreibe, hier in der Grand Bar, im Hafen von Oslo, finden sich Menschen aller Nationen zu einer riesigen Polonäse zusammen, während eine blonde Sängerin dazu „Luna Mezza Mare“ vom iPad vorliest. Als ich aufgefordert werde, zeige ich schnell auf den Rollator am Nachbartisch, als Entschuldigung quasi. Spaß haben die hier schon, das muss ich zugeben. Jurassic-Park zum Anfassen und Mitmachen.

 

Pasta Cotzifica

Leckeres Essen – das können die Italiener! Diese einhellige Meinung wird hier am Buffet ad absurdum geführt. Lasagne und Pasta, komplett zerkocht in Metallkübeln, aus der sich jeder, der es in der Schlange bis nach vorne geschafft hat, ein Stück herausstochern darf. Lecker. Alternativ gibt es noch Focaccia – was hier total lecker klingt, ist im Prinzip Pizza ohne Belag. Also Teigboden, überstreut mit winzigen Salamiflöckchen oder Olivenscheibchen. Beim Genuss unseres ersten Tellers Pastabrei taufen wir das Schiff um in „Pasta Cotzifica“. Das klingt gleich viel besser und ließe sich auch marketingtechnisch sicher perfekt verwenden: „Pasta Cotzifica – die Mutter des organisierten Erbrechens“.

An dieser Stelle seien übrigens die zugewiesenen Restaurants gelobt, die man stattdessen – sofern man pünktlich zu seiner Tischzeit antritt – aufsuchen kann. Hier gibt es wirklich gutes Essen, auch wenn mich einige Speisenamen verwirren: Was ist denn bitte „Spaghetti alla Carrettiera“? Kommt das vom spanischen „Carretera“, also „Landstraße“? Man soll ja nichts verkommen lassen. Wir bestellen vorsichtshalber etwas Anderes. Der Zweiertisch den wir ergattert haben ist direkt neben der Tellerverladestation. Das ist zwar nicht ganz leise und es trampeln unzählige Leute an einem vorbei – aber man bekommt das Essen sehr schnell.

Zurück zum Pastabrei: Während wird diesen noch versuchen herunterzuwürgen, wäre ein Getränk nicht schlecht. Dazu hat man Getränkeautomaten aufgebaut, an denen es leider keine Cola gibt – sondern nur Pepsi. Während Steffi mit den Augen rollt und lieber gar nichts trinkt, versuche ich den Automaten in Gang zu bekommen – aber das will nur mit Bezahlung gelingen. Bordkarte reingeschoben und *ping* – 3.44 pro Plastebecher. Aha. 3.44 was? Doch nicht Euro? Läuft das Ding noch auf Lire? Norwegische Kronen wären auch in Ordnung, zumal es dann routenkonform wäre.

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Die Polonäse hat sich inzwischen zerschlagen. Die Musik wurde lauter gedreht und der ganze Saal brüllt mit: Bensokeunsognokosinonritornimaipiu, midipingevolemanielafakkiadieblu, poidimprowisiovenivodalventorapito, eincominiciavoavolarenelcieloinfiniiiiitooooo…. VOOLAAAAREEEE… OOOHH OOOOOHHH…

 

Die Getränke

Man muss – anders als bei MeinSchiff übrigens – jedes einzelne Getränk bezahlen. Das wäre nicht so schlimm, wenn die Preise dafür nicht absolut unverschämt wären. Zu allen Preisen zahlt man dann noch 15% Servicegebühr. Wofür die sind, können wir nur raten: Vermutlich für das teure Valium, mit dem man die Kellner offensichtlich vollgepumpt hat. Diese wandeln umher, aber nicht von Gast zu Gast, nein, das wäre ja zu schnell – sondern nur zu einem Gast, vermutlich dem, der am grimmigsten schaut, um dann für eine Weile hinter dem Tresen zu verschwinden. Alternativ wird – vermutlich wegen eines Verbots, das Handy während der Schicht in die Hand zu nehmen – dieses einfach auf das Tablett gelegt, um mit der Rechten darauf herumzustochern. Dass man dabei nicht bedienen kann, versteht sich von selbst.

Um die teuren Getränkepreise so halbwegs zu umschiffen, gibt es Getränkepakete. Diese Kosten dann bis zu 45,99 Euro am Tag. Pro Person. Das sind bei einer Woche noch einmal knapp 650 Euro, die man aus dem Reisepreis herausgerechnet hat.

Nachdem wir uns von einem besonders unfreundlichen Kellner, den wir wohl beim herumfingern an einem Rechner gestört haben, die Getränkepässe haben erklären lassen, beschlossen wir uns im nächsten Hafen mit Getränken im Supermarkt einzudecken. Das ist natürlich aus „hygienischen Gründen“ verboten, dank der exzellenten Sicherheitskontrollen an Bord aber überhaupt kein Problem. Die Gefahr, entdeckt zu werden tendiert hier gegen Null.

 

Das Schwimmwestenballett

Wir haben unsere Schwimmwesten aus dem Sprelacartsarg in unserer Zelle geangelt und betreten den Außenbereich des Backborddecks. Es umpfeift uns ein kalter Wind. Aufgeregte Besatzungsmitglieder in blauer Kluft, weißer Mütze und Hosenträgern hopsen umher. Ich lasse meinen Blick schweifen und hoffe die Prinzessin, Toad oder sogar Bowser zu entdecken – nichts. Statt dessen ein paar kleine Italienerinnen mit gelben Rettungswesten, die sich als Viehtreiber betätigen und die Massen in der Mitte des Außenbereichs zusammentreiben. Dort wird man in 5er Reihen der Größe nach hintereinander aufgestellt. Ich möchte bei Steffi stehen, bin aber größer. Ich stelle mich hinter Steffi. „DA RÖÖBÄÄRR!“ Blökt es und fuchtelt Steffi wegweisend in die Nachbarreihe. Nur 20 Minuten später steht das ganze Deck voller Passagiere. Einige probieren die Pfeifen aus, andere spielen mit der Leselampe. Jene, welche ihre Rettungswesten nicht anhaben, werden von der Besatzung übel angepöbelt, wieso man denn nicht lesen könne und die Westen nicht mitbrächte.

*QUIIEEEEÄÄÄÄRRRKKKSSSS* – eine überdimensionale Tröte schaltet sich ein. In einer unfassbaren Lautstärke brüllt es einige Erklärungen nacheinander in 6 Sprachen heraus. Die Tröte überschreit dabei selbst und man kann kaum etwas verstehen. Ich beginne langsam zu begreifen, warum in einem echten Notfall, wie bei der Costa Concordia, alles schief gehen muss. So, wie das hier aufgebaut ist, hat das mit Sicherheit nicht viel zu tun. Vor uns bricht eine Frau zusammen, bei Steffi ist es auch gleich soweit. Mir wird kalt.

Die Seenotrettungsübung ist beendet – und 2000 Leute drängen mit Rettungswesten zurück auf die Kabinen. Wir beschließen, in einem echten Notfall auf dem Balkon stehen zu bleiben und abzuwarten, bis dieser quasi Parterre ist, um dann von Bord zu hopsen.

 

Jetzt aber endlich zum versprochenen Highlight.

Erste Nacht, drei Uhr nochwas.

Mit einem lauten *KRACK* schalten sich die Lautsprecher an. „ÄTTÄNDSCHN, ÄTTÄNDSCHN, ÄTTÄNDSCHN“ blökt es heraus. Wir sitzen im Bett. Der Rest der Nachricht ist in Crew-Nerdisch und für uns nicht verständlich. Irgendetwas mit „Engine“ war noch dabei. Wir überlegen kurz, ob es jetzt an der Zeit ist, die Schwimmwesten anzulegen. Wir bleiben einfach liegen, da das Signal nicht ertönt. Naja, und weil wir keine Lust zum Aufstehen haben. Grade als das Bild des Schranks mit seinem Plastikdekor einem Karibikstrand gewichen ist *KRACK* gefolgt von der nächsten Nachricht mit der Aufforderung an die Crew, sich dringend zu sammeln. Wir sind etwas besorgt, beschließen aber einfach weiterzuschlafen. *KRACK* Diesmal spricht der Kapitän selbst. Zu den Passagieren. Es ist inzwischen dreiviertel vier. Die Ansage wird natürlich in allen Sprachen durchgegeben, die an Bord sind: Italienisch, Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Türkisch. Das dauert eine Weile, zumal die Botschaft sehr ausladend ist: Es gäbe wohl ein winzig kleines Problemeleinchen mit einem der Generatoren, das hätte man wohl aber ganz bestimmt unter Kontrolle – und das Schiff ist sicher! Vor meinem geistigen Auge sehe ich Norbert Blüm in der Uniform eines Kapitäns auftauchen, der hämisch kichert.

Ich döse den Rest der Nacht nur noch vor mich hin. Ich freue mich insgeheim, dass der allgemeine Wartungszustand, der für den Reisenden erkennbar ist, sich auch in der tieferen Technik fortsetzt. Vor meinem inneren Auge sehe die Pasta Cotzifica, von 4 Schleppern gezogen als Reiter der Quadriga in den Hamburger Hafen zur Verschrottung zurückkehren.

Am Morgen meldet sich – noch vor dem Aufstehen – der Kapitän erneut. Als Erstes wird beteuert, wie sicher das Schiff doch sei. An dieser Botschaft wird übrigens in den folgenden Tagen nicht gespart. Je öfter ich sie höre, desto weniger glauben wir daran.

Also: Bei einem der Generatoren sei wohl in der Nacht ein kleines Defekteleinchen aufgetreten, weshalb wir nun nicht mehr mit voller Geschwindigkeit fahren könnten und deshalb irgendwie Alesund nicht erreichen würden. Deshalb würde die Route geändert und anstatt dem wunderbaren Alesund wird nun Kristiansand angelaufen (bitte nicht mit Kristiansund verwechseln!). Das liegt südlich von Stavanger und ist etwa so groß wie der Potsdamer Platz in Berlin. Als kleine Wiedergutmachung für die entstandenen Unannehmlichkeiten bekäme man 100 Euro gutgeschrieben – Pro Kabine, wird schnell noch hinterhergeschoben. Klasse! Das reicht ja schon fast für das zusätzliche Serviceentgelt, was man hier insgesamt noch berechnet für nix (9 Euro pro Tag und Nase). Wieso müssen sich solche Unternehmen eigentlich nicht an die Preisangabenverordnung halten? Das kläre ich noch.

 

Der Service

Waren Sie jemals in einer Postfiliale und haben sich – nach einer halben Stunde am Schalter angekommen – wie ein Objekt gefühlt, dass nicht dorthin gehört? Störend? Ein Keil, zwischen die Mitarbeiter getrieben, während diese sich über das Wetter, das Grillfest am Wochenende oder die letzte Darmspiegelung unterhalten wollten? Ich sehne mir diese Mitarbeiter als Servicekräfte her. Denn diese haben mich – wenn auch abfällig musternd – wenigstens beachtet und in einer Geschwindigkeit bedient, in der man das Paket sogar noch bekam bevor die Lagerfrist ablief. Hier ist das etwas anders. Wenn der Mitreisende am Nachbarstisch bedient wird, heißt das nicht, dass sie als Nächster dran sind. Auch hinterherrufen bringt nichts. Vielleicht eine Miniharpune, mit der man ein Seil in den Allerwertesten des Kellners schießen könnte, damit er bei Bedarf einfach herbeigezogen werden könnte. Ich vermute dahinter inzwischen Strategie. Je weniger die Gäste konsumieren, desto besser rechnen sich die Getränkepakete für Costa.

Ähnlich störend kommt man sich als Gast fast überall auf dem Schiff vor. Die Rezeption weiß so gut wie nichts, und man wird nach langem Anstehen an jemand Anderen verwiesen.

 

Einzig die Fotografencamorra, die sich jeden Abend billige Fotohintergründe in klassischem Blaufleck (sie erinnern sich an die Schulfotos ihrer Kinder?) aufstellt um dann die Gäste fotografieren zu dürfen, verwischt gekonnt die Grenze zwischen zuvorkommend und penetrant.

 

Die letzte Kreuzfahrt…

Genau so haben wir uns Kreuzfahrten ehrlich gesagt auch immer vorgestellt. Grauenvolle Kellner und ein Buffetrestaurant in Mitropa-Qualität, unfreundlicher, ratloser Service, Abzocke an allen Ecken – man kann sich hier bei Bedarf sogar im Automatencasino computergestützt bescheißen lassen, super Animation und Spiele, wie z.B. „coca fanta sprite“, was schon deshalb paradox ist, weil es hier nur Pepsi gibt.

Wäre das hier unsere erste Kreuzfahrt gewesen, dann gleichzeitig auch unsere Letzte…