File 23.05.16, 16 12 23Zweiter Akt: Das Schiff

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Deko-Level: Overload

Auf dem Schiff angekommen fällt uns sofort die Inneneinrichtung auf. Die Costa Pacifica ist schließlich „Das Schiff der Musik“, und so mussten vermutlich eine Schar durchgeknallter Innenarchitekten unter der Androhung von Folter entwerfen, was wir nun sehen durften: Die überschwängliche Dekoration, welche in wirklich jeder Ecke der Musik verknechtet wurde: Notenschlüssel, Noten und Notenlinien, wohin man blickt. Ein wahrer Traum aus Plastik und MDF. Das Ganze wird umsäumt von Halbstäben, die weiß und schwarz an eine Pianotastatur erinnern sollen – gekonnt beleuchtet von runden Deckenlampen, mit vier bernsteinfarbenen Topfhenkeln rundherum, deren Sinn mir sich bis heute nicht erschloss. Der Versuchung, mich dranzuhängen, konnte ich bislang gerade noch widerstehen.

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Ludvik

Die Decks haben auch sprechende Namen wie Groove, Swing und Adagio. Unsere Kabine liegt auf Deck Ludwig. Wir diskutieren darüber und kommen zu dem Schluss, dass hier nicht ein unschuldiger berühmter Musiker als Patron hergehalten hat, sondern Ludvik, das nackte Meerschweinchen aus Polen. Später werden wir noch eine tiefgehende Diskussion über den Standort unserer zweiten Kabine führen: „Alhambra“. Uns fällt nicht wirklich ein, was dieses italienische Schiff mit dieser wunderbaren Burg auf dem pittoresken Sabikah-Hügel im spanischen Granada zu tun hat, wenn man vom Alter der Inneneinrichtung absieht.

Ein besonderes Highlight sind die Zeichnungen in den Aufzügen. Ich suche nach der Bildunterschrift, finde aber nichts. Ich beschließe, diese bei Gelegenheit hinzuzufügen: „Hannah (9), Klasse 3b, Grundschule am Mümmelmannsberg“ – auch gerne als „Bunny Hill“ bezeichnet. Ich notiere mir blaue Tusche und groben Pinsel auf meiner Einkaufsliste für Alesund – den ersten Stopp der Reise – zu diesem Zeitpunkt nicht ahnend, dass wir dort niemals ankommen werden.

 

Der Schiffsbau zu Babel

Verschiedene Bauwerke erzürnten in der Vergangenheit die Gottheit, welche entsprechende Sanktionen zu verhängen wusste: Beim Turmbau zu Babel verwirrte Gott die Sprachen, beim Babel International Airport (BER) die Finanzen und den Zeitplan, und bei der Costa Pacifica die Architekten beim Erstellen der Deckpläne. Vielleicht täuscht es auch und es handelt sich nur um eine besonders ausgeklügelte Strategie gegen Ratten: Denn diese würden – bei allem Geschick in Labyrinthen – sich auf der Costa Pacifica auch mit einem Deckplan kaum zurechtfinden und einfach verhungern. Während übrigens im Gegensatz zum BER der Turm zwischenzeitlich den Eindruck machte, fertig werden zu können, hat man wohl beim Bau des Schiffs dieses kurzerhand verkleinert – natürlich nicht, ohne jedoch die gesamte Deko einzubauen, die auch für die dreifache Bruttoraumzahl kaum zu wenig gewesen wäre – bezahlt ist schließlich bezahlt.

Nachdem wir diese innenarchitektonische Geisterbahn zur Genüge bestaunt hatten, versuchten wir unsere Kabine zu finden. Dazu ging es mit dem Aufzug auf Deck Ludvik, dann vom Standpunkt (natürlich ganz vorne) in Richtung Kabine (natürlich ganz hinten). Im Gegenstrom der Masse sprangen wir über inzwischen vor den Kabinentüren aufgestellte Koffer, schlängelten uns an Gruppen von Selfie-Monstern vorbei zu unserem Rückzugsort mit einem wunderbaren Blick direkt aus dem Heck des Schiffs auf die schier unendliche Weite des blauen Ozeans. Jedenfalls theoretisch, wenn die Scheiben sauber gewesen wären. Während wir noch überlegten ob es nicht besser wäre, wenn die Scheiben geputzt wären, schien es sich hier um italienische Weitsicht zu handeln: Wir verbringen die nächsten Tage in einem dichten Nebel, der jede Sicht verhindert und so geputzte Scheiben irgendwie obsolet macht.

 

Die Karten

Die Kabinentüren stehen hier übrigens bei der Anreise offen, auf dem Bett findet man die Türkarten, die man zusammen mit einem Deckplan und einem Begrüßungsschreiben dort liebevoll hingefeuert hat. Natürlich – von MeinSchiff verwöhnt – wo man die Karte von einer blonden Grinsekatze im Längstreifenblüschen zusammen mit ein paar warmen Worten überreicht bekommt, weiß man das erstmal nicht. Und so kommt es, dass die Geisterbahn auf Deck 3 beim Betreten also nicht nur in dekorativer Hinsicht Höchstleistungen erbringt, um ihren Ruf gerecht zu werden, sondern man sich direkt vorkommt wie im Superzombiemodus in einem dieser Ballerspiele. Nur eben in echt – und zum Glück für die Zombies auch ohne Waffe. Unauffällig mischen wir uns darunter, wanken mit der Masse hin und her und versuchen die Rezeption zu finden. Dies stellt mich nicht vor die letzte intellektuelle Herausforderung – es gibt dem Anschein nach zwei davon. Ich kann grade mit meinem quasi nicht vorhandenen Italienisch-Wortschatz der Stufe „Grundkurs Ü-Ei Packzettel“ grade noch den Text auf dem Laufband übersetzen – an einem der Schalter lassen sich Exekutionen buchen, konstatiere ich laut. Wir wenden uns der Zombieschlange an der anderen Seite zu. Während wir hier sabbern und „braaaaaiiiins“ grunzend hin und her schaukeln, werfe ich einen Blick in die FAQ – „Die Zimmerkarten finden Sie auf ihrem Bett“. Na bitte. Geht doch. Auf dem Weg in die Kabine denke ich an Elisabeth und Dieter. Ob sie wohl durch die Nachbarkabinen gehen, sich die Namen notieren und dann am Sonntagmorgen gegen 7.30 lächelnd mit einem Wachturm vor der Kabinentür stehen?

 

Sprelacart

Das Interieur der Kabine besteht aus Einbaumöbeln, die an die Sprelacart-Schrankwände Mitte der Achtziger erinnern, die in der DDR in fast jedem Wohnzimmer standen. Ein Design, das eines sofort klarstellt: Ich bin aus Plastik. Ich sehe farblich geöltem Holz ähnlich, aber vom Muster her eher wie die Haut einer adipösen Boa – zumindest in der Mitte. Etwa so, als hätte jemand mit Photoshop das Design einfach in die Breite gezogen – und dabei die Auflösung vergessen. Eine lachsfarbene Couch, ein fleckiger Teppich mit Pixelmuster und zwei Tischlämpchen mit schrägem Schirm runden das Gesamtbild ab.

Wir machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem – und einem Getränk.

 

Das Lidocain

Schnell machen wir das Deck 9 aus, dort soll es ein Buffetrestaurant geben. Wir betreten das „Lido Calypso“. Die Wände der Halle bestehen aus winzigen Kacheln in gelb, orange und blau. Diese sind wellenförmig zueinander versetzt – zwei rauf, zwei runter. Das zieht sich durch den ganzen Raum. Defokussiert man diese und bewegt dann den Kopf ganz leicht hin und her, entsteht ein lustiges Flirren vor den Augen. Wir taufen den Raum spontan in „Lidocain“ um. Ein Stück weiter hinten schieben sich einige Futterkübel in mein Blickfeld…

 

-Fortsetzung folgt-

Okay, ich hatte es versprochen – aber es dauert noch einen Akt, bis es endlich ans Eingemachte geht. Also dran bleiben…

Und da ist sie, die Fortsetzung: Dritter Akt: Die Reise