File 21.05.16, 18 49 26

Erster Akt: Die Anreise

Wir haben seit neuestem Kreuzfahrten für uns entdeckt. Ein Zufall spülte uns auf die MeinSchiff 3, mit der wir im Hochsommer zum Sonderpreis durchs Mittelmeer schipperten. Dass die Sache einen Haken hat, fiel uns bei 40°C auf Korfu auf. Hätten wir aber auch wirklich drauf kommen können.

Seither sind wir Fans von Kreuzfahrten. Drei mal waren wir mit MeinSchiff unterwegs, dann sollte es mal etwas Anderes sein. Costa kam da mit einem Angebot grade recht – eine Woche von Hamburg (spart die Anreise) nach Alesund, Bergen, Stavanger und Oslo wieder zurück in die Hansestadt. Perfekt!

Sogar eine Geld-zurück-Garantie gab es – binnen 24 Stunden konnte man an Bord Bescheid geben, sich am nächsten Hafen von Bord fegen lassen zu wollen – und bekäme Transfer und Geld zurück – na dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Der Tag kam, Steffi und ich standen am Hafen – im Hintergrund zeichnete die Costa Pacifica Ihre Umrisse in den Hamburger Himmel, im Vordergrund das Terminal. Zielsicher steuerten wir auf den Eingang zu.
„Kein Gepäck hinter dieser Tür“, lud uns ein Schild zum Verweilen ein. Aha. Wohin damit? Genau – einfach der verwirrt dreinblickenden Masse in einen kleinen Eingang gefolgt, wo ein mehr als unfreundlich schauender Mitarbeiter augenrollend die Masse dazu bewegte, das Gepäck hintereinander in kleine Reihen zu stellen, während ein Weiterer unter Ausnutzung der Zentrifugalkraft jeden Koffer einzeln beschleunigte, um diese dann im richtigen Kurvendrehpunkt gekonnt auszukuppeln.
So flog Gepäckstück um Gepäckstück Richtung Transportwagen, wo es von den Wänden des Wagens gebremst seinen Kurzflug beendete und herunterkrachte. Ich freute mich, dass unsere Koffer ganz oben auf den Wagen gefeuert wurden, nahm die Steffi an der Hand und ging mit ihr zum Haupteingang.

Der Hund

Ich muss hier etwas ausholen. Haben Sie einen Hund? Kennen Sie diesen Moment, wenn Sie nach Hause kommen und statt des sich ausgiebig freuenden Carnivore, der Ihnen Laufmaschen in die Strumpfhose zieht, ist nichts weiter zu hören als dieses „tock-tock-tock“ im Hintergrund? Gespenstische Stille.
Sie ahnen nichts Gutes. Tock. Tock. Tock. Vorsichtig, mit einem unguten Gefühl im Bauch schauen Sie um die Ecke in den Flur. Nichts. Tock. Tock. Tock. Sie gehen weiter, das mulmige Gefühl im Bauch nimmt zu – da muss doch etwas faul sein. Nur noch einen Schritt, dann sehen Sie die hintere Ecke des Wohnzimmers, dort, wo das Hundekörbchen steht, taucht der Hintern des Hundes auf.
Der Schwanz peitscht zögerlich auf das Parkett. Tock. Tock. Tock. Jetzt folgt das Gesicht des Hundes. Große, kugelrunde, leicht feuchte Augen, die ganz sicher heute morgen noch nicht so riesig waren, schauen Sie aus gesenktem Haupt an. Jetzt wissen Sie: Egal was das Vieh angestellt hat, es war entweder teuer oder kostet einiges an Säuberungsaufwand.

Zurück zum Schiff: wir betreten die Haupthalle. Menschen laufen wirr durcheinander. Bisher deutet eigentlich noch nichts auf den Check-In einer Kreuzfahrt hin. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl, ich lausche nach dem „tock tock tock“, aber es ist zu laut um mich herum.

Wir schiffen ein…

Wie es Marie von den Benken schon auf den Punkt brachte: Das Wort „einschiffen“ war bisher immer mit unkontrollierbarem Harndrang verknüpft. Ich persönlich glaube, das hat auch direkt damit etwas zu tun, aber dazu später – im Kapitel „Das Schwimmwestenballett“ – mehr.

Der eigentliche Prozess des Einschiffens beginnt in der Haupthalle. Eine Rotte Menschen steht in einem dieser lustigen Poller-Band-Labyrinthe, die man von jedem Flughafen kennt. Auf dem Weg ins Labyrinth passieren wir eine kleine Dame mit Costa Mützchen, die uns liebevoll im Vorbeilaufen zwei schlecht kopierte Zettelchen mit den Worten „musse ausfulle“ in die Hand drückt. Während wir tiefer ins Herz des Labyrinths eilen, lesen wir die Zettelchen: Man trägt seinen Namen ein und beantwortet Fragen. In Englisch, immerhin. Zum Beispiel „hatten Sie in den letzten 3 Tagen Fieber?“ oder „Hatten Sie in den letzten drei Tagen Diä… Diarr… also Dünnpfiff?“. Falls ja, weitere Fragen: „Waren Sie in einem dieser Gebiete?“ gefolgt von einer Liste afrikanischer Länder. Wer kreuzt da bitte bei beidem freiwillig „JA“ an, selbst wenn es stimmen würde? Schade um das schöne Papier.

Der Wachturm

Inzwischen haben wir das Ende der Schlange erreicht. Von hinten kommen Elisabeth und Dieter hinterher, die sofort damit beginnen, sich seitlich vorsichtig an den anderen Gästen vorbeizuschieben. Ich stelle mich demonstrativ in den Weg. Leider haben die beiden Erfahrung – in der nächsten Kurve des Labyrinths zieht Elisabeth grinsend an uns vorbei. „Hier vordrängeln und sich dann wundern, wenn mittwochs vor der Markthalle keiner einen Wachturm von einem nehmen will“ kommentiere ich das Geschehen laut genug. Es nützt nichts – sie haben uns überholt.

Am Ende der Schlange angekommen befindet sich ein barähnliches Konstrukt mit freundlich lächelnden Mitarbeitern, die frenetisch dem nächsten Gast winken. Die Gruppe Spanier vor uns hat noch Schwierigkeiten, diese Geste zu deuten und so ziehen wir vorbei zu Robert. „Hallo, die Pässe“ werden wir begrüßt. Brav geben wir diese herüber und freuen uns, dass es noch gute alte Dinge gibt, die nicht ausgestorben sind: Die legendäre Freundlichkeit der DDR-Grenzer beim Verlassen der SBZ beispielsweise, hat überlebt und den Weg nach Hamburg gefunden. Wir grinsen zufrieden.

Das Prädikat

Robert hat jetzt fleissig alles überprüft. Die nächste Frage versetzt mich für eine Sekunde in eine nicht zu verlassende Denkschleife: „Zettel?“. Nachdem ich meinen Starre überwunden habe, Taste ich erschreckt meine Taschen ab und Frage zurück: „Haben Sie hier irgendwo ein Prädikat gesehen?“ Robert schaut mich verwirrt an. „Naja, ein Satz besteht aus Subjekt – also Zettel – und einem Prädikat, und wird von Profis des Satzbaus gerne mit einem Objekt ergänzt“. Robert wird nun langsam ungeduldigt: „Wo ist der Zettel?“ Na bitte, Robert. „Vor Ihrer Nase“. Robert versteht nicht. „Die Zettel liegen vor Ihnen auf dem Tisch, zur Hälfte gefaltet, Schriftbild nach innen.“. Jetzt ist endlich alles geklärt. Robert drückt uns unsere Pässe in die Hand und deutet auf die Sicherheitskontrolle. „Gibt es noch Bordkarten?“ frage ich. „Auf dem Schiff“ antwortet er und drückt uns einen FAQ-Zettel in 6 Sprachen in die Hand. „Wir haben hier keine Computer“, fügt er hinzu. „MeinSchiff auch nicht, aber die bringen ihre eigenen mit“, maule ich zurück.

Wir eilen zur Sicherheitskontrolle und kommen nur einen Sekunde früher dort an, als Elisabeth. Hah!

Nach einer extrem laxen Kontrolle betreten wir das Schiff über einige Glastunnel. Erst jetzt fällt mir das dumpfe Gefühl wieder ein. Irgendetwas ist komisch. Liegt es daran, dass die Costa Pacifica zur „Concordia-Klasse“ gehört, bei deren letzter Fahrt das eine oder andere „schief ging“, um das mal so doppeldeutig zu formulieren? Der Kapitän ist sicher Italiener und wird in Norwegen kaum winken, beruhige ich mich. Andererseits die Fjorde… Egal. Noch einmal den Pass vorzeigen, dann sind wir im Schiff.

Einen Moment später stehen wir im Bauch der Costa Pacifica. Uns stehen die Münder offen, wir blicken uns verstört um. Was ist das denn? Tock. Tock. Tock.

 

-Fortsetzung folgt-

Lesen Sie in der nächsten Folge, weshalb die folgende Nacht besonders kurz wurde, wieso wir kurzfristig die Reiseroute geändert haben, was für einen Höllen..ähh..spaß man auf dem Schiff hat und wieso 3 Italiener reichen, um ein halbes Schiff in Stimmung zu versetzen…

Odyssee auf der Nordsee – 7 Tage Costa – Zweiter Akt